Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens
Text: Geir Tore Brenner
Übersetzung: Björn Fröhlich & Cornelia Fiedler
http://fett.no/2011/11/i-dag-er-den-siste-dagen-i-resten-av-ditt-liv/


Die Graphic Novel Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens von Ulli Lust umfasst gut 400 Seiten – ein ziemlicher Wälzer sozusagen. Das Buch ist eingeteilt in kürzere Kapitel von je 10 bis 20 Seiten, dadurch wirkt das Ganze wie ein Erzählband. Sämtliche Kapitel stehen in einem recht losen Verhältnis zueinander, obgleich alle Bestandteil einer großen Rahmenerzählung sind.
Die Autorin Ulli Lust hat sich in der deutschsprachigen und französischen Comicszene zwar bereits einen Namen gemacht, dies ist jedoch ihr bislang erstes größeres Werk. Bis dahin waren einige schmalere Titel erschienen, außerdem einige Comicreportagen für deutsche Zeitungen. Lust gehört des Weiteren zu denjenigen, die sich hinter Electrocomics.com verbergen, einer Seite, auf der man Comics gratis im pdf-Format herunterladen kann.
Als Graphic Novel – oder Deutsch „Autorencomic“ – bezeichnet man einen Comic, der in Form eines Buches herausgegeben wird. Das Genre hat sich seit den 70er Jahren immer weiterentwickelt, erfreut sich ständig wachsender Bekanntheit und etabliert sich zusehends. Die Graphic Novel unterscheidet sich vom „gewöhnlichen“ Comic in mehrfacher Hinsicht. Comics im „herkömmlichen Sinne“ werden in kürzeren Formaten, etwa als Heftchen oder Comic-Strips in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Handelte es sich um längere Geschichten, wurden diese häufig auf mehrere Hefte verteilt. Die Graphic Novel jedoch hat Dimensionen von oft mehreren hundert Seiten, was den Autoren die Möglichkeit gibt, ein Thema in aller Tiefe auszuloten. Während Comics in ihrer Ursprungsform sich in erster Linie an ein jugendliches Publikum richteten, sind bei der Graphic Novel erwachsene Leser die primäre Zielgruppe. Dementsprechend sehen auch ihre Themen aus. Wichtige Autoren dieses Genres waren bzw. sind etwa Will Eisner, Neil Gaiman, Joe Sacco oder Marjane Satrapi.
In Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens berichtet Ulli Lust von ihrem Leben als 17-Jährige im Wien der 80er Jahre. Sie ist eine schulmüde Punkgöre, die bei der ersten sich bietenden Gelegenheit die Schule schmeißt. Statt im Unterricht verbringt sie ihre Zeit auf den Straßen im Wiener Zentrum, gemeinsam mit anderen Punks und Drogenabhängigen. Hier lernt sie Edith kennen, die sich in einer ähnlichen Situation befindet wie sie selbst. Nach und nach freunden sich die beiden an, teilen ihre Freuden und Sorgen miteinander. Kurzerhand fassen sie den Entschluss, gemeinsam nach Italien zu reisen; ihre Reise nimmt den Großteil des Buches ein. Ganz ohne Geld ziehen sie los und so erreichen sie mit Ach und Krach die italienische Grenze.
Im Laufe ihrer Reise geraten die beiden Mädchen immer wieder in Situationen, in denen Männer sie zum Sex bewegen wollen, manchmal äußerst aufdringlich, manchmal regelrecht manipulativ. Einmal wird Ulli sogar brutal vergewaltigt.
In Italien lernen die beiden eine Gruppe junger Leute kennen, die teilweise auf der Straße leben. Ulli findet schnell heraus, dass sie sich durch Bettelei ernähren kann und damit durchkommt. Als sie Sizilien erreicht, wird sie mit den noch traditionsbewussteren Seiten Italiens konfrontiert.
In ihrer Erzählung ist genug Raum für positive Schilderungen der Wiener Punkszene oder des Milieus junger und zumeist drogenabhängiger „Sandler“, mit denen sie ihre Zeit in Italien verbringt. Zugleich gelingt es ihr aber auch, wichtige allgemeine Themen aufzugreifen – wie Geschlechterrollen und Macht, Freundschaft, das Erwachsenwerden und die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.
Lusts Buch ist extrem fesselnd, weil sie ihre Geschichte auf eine sehr direkte und zutiefst persönliche Art erzählt. Sie verliert sich nicht in Selbstgerechtigkeit; es ist als ob die Jahre, die zwischen dem Erleben und dem Erzählen der Geschehnisse vergangen sind, ihr einen gewissen Abstand gegeben haben. Mitunter geht sie auf persönliche, intime Situationen ein, was ihr immer wieder auf gute und realistische Weise gelingt. Dies ist nicht zuletzt der Art zu schulden, wie sie das Medium des Comics ausnutzt: Sie variiert den Stil, in dem sie sich und andere zeichnet, um so die Gefühle oder auch das Verhältnis der Figuren zueinander auszuarbeiten. Teilweise bedient sie sich eines Zeichentrick-ähnlichen Stils, mit überdimensionierten Händen und Köpfen. Dann wieder führt sie einen deutlich realistischeren Strich, der sich dem Naivismus annähert. Wie sich Lust des Comics als Medium bemächtigt, kommt ihrem Ziel, komplexe Situationen wiederzugeben nur entgegen.
Im Laufe des Buches wird deutlich, wie dem Mädchen die Flucht gelingt, raus aus dem fehlenden Handlungsraum und den begrenzten Rollen, die die Familie in Wien ihr bietet. Als alleinreisende junge Frauen erwecken Ulli und ihre Freundin Aufmerksamkeit, besonders bei Männern. Teilweise genießen sie diese Freiheit, suchen die Spannung und sexuelle Aufmerksamkeit, wie sie ihnen zuteil wird. Die sozialen Verhältnisse unterwegs sind vollkommen anders als die daheim. Aber das hat auch seine Nachteile. Dies wird besonders deutlich, als die beiden Italien erreichen und schließlich weiter nach Sizilien gen Süden fahren. Nicht nur die Geschlechterrollen sind, je weiter in Richtung Süden die beiden fahren, dort in größerem Maße patriarchisch geprägt, vielmehr geraten die beiden dadurch auch in eine Situation, die sie verletzlicher macht – sie sprechen weder die Sprache, noch haben sie Geld oder Bekannte vor Ort. So sehen sie sich gezwungen, auf der Strasse und an öffentlichen Plätzen herumzulungern, wo es schwierig ist, sich zu schützen.
Lust schildert wie sie als Sexobjekt betrachtet wird, ganz gleich, wohin sie sich wendet. Fast immer wenn die beiden Hilfe benötigen – und die brauchen sie oft, denn weder kennen sie sich aus in den verschiedenen Städten, noch haben sie Geld – helfen ihnen Männer, die jedoch eine gewisse „Gegenleistung“ erwarten. Mehrfach beschreibt sie die Risiken, die sie eingehen – und einmal geht es eben schief. Dennoch hat Lust eine ambivalente Haltung diesen Männern gegenüber: Sie lässt sich unterhalten und verführen, sie sucht diese Situationen voller Spannung, in denen alles Mögliche passieren kann, aktiv auf. Sie ist sich im Klaren darüber, dass sie jederzeit nach Hause zurückkehren könnte, in den sicheren Hafen der Familie. Sie müsste bloß zur Polizei gehen. Aber sie meidet den Kontakt mit der Polizei so lange es geht. Als sie die Möglichkeit bekommt, kostenlos und komfortabel bei einer alten Dame zu wohnen, macht sie sich schleunigst aus dem Staub. Lieber schläft sie draußen im Regen, als sich der Kontrolle auszusetzen, die das Zusammenleben mit einer konservativen Erwachsenen, die sie im Auge behielte, mit sich bringen würde.

Heute ist der letzte Tag deines Lebens ist ein enorm wichtiger Titel, auch jenseits des Comic-Milieus. Wir alle müssen uns mit den hier angesprochenen Themen, die gerade momentan von größter Aktualität sind, auseinandersetzen.*
Ich persönlich kann mich nicht daran erinnern, je zuvor eine so gelungene und differenzierte Darstellung von Situationen gesehen zu haben, in denen sexueller Druck ausgeübt wird und sexuelle Übergriffe stattfinden. Indem keine passive Opferrolle eingenommen wird, sondern stattdessen diese Situationen in ihrer vollen Komplexität charakterisiert werden, unterscheidet sich das Buch von vielen anderen Darstellungen, in denen Frauen einseitig als Opfer beleuchtet werden. Dies macht das Buch nicht zuletzt für männliche Leser zu einer spannenden Lektüre. Denn Lust gelingt es, zu verdeutlichen wie es aus der Sicht der Frau empfunden wird, sexuell belästigt zu werden. Möglicherweise ist die italienische Kulisse ein wenig extrem, aber Parallelen zu unserer Gesellschaft bleiben trotz alledem für den Leser unleugbar erkennbar.
Die schwedische Kulturjournalistin Johanna Koljonen hat im vergangenen Jahr die Internetseite #prataomdet (#sprichdarüber#) ins Leben gerufen, auf der sie Erzählungen aus den „sexuellen Grauzonen“ veröffentlicht. Koljonen fordert dazu auf, nach neuen Möglichkeiten zu suchen, wie wir über Sexualität sprechen können, für Ambivalenzen offen zu sein, und so eine schwarz-weiße Sicht auf die Dinge zu vermeiden. Das Sprechen über eigene Grenzen und die der anderen, sowie das Thematisieren der Übertretungen können durchaus noch verbessert werden. Lusts Buch leistet einen Beitrag hierzu, indem es uns ein Repertoire an Erzählungen bietet, die wir dringend benötigen.

* Der Verfasser spielt auf die in den letzten Monaten stark angestiegenen und heftig in den Medien diskutierten Fälle von Vergewaltigung in Norwegen, besonders in Oslo, an. Durchschnittlich gibt es derzeit jedes Wochenende rund fünf angezeigte (!) Vergewaltigungen, einige davon sogar an öffentlichen Plätzen der Innenstadt. Nachdem im Sommer 2011 eine stark alkoholisierte, junge Frau vor dem norwegischen Parlament von einem 15-Jährigen vergewaltigt worden war, ohne dass Passanten oder Sicherheitskräfte des Parlaments eingegriffen hätten, kam es in letzter Zeit zu ähnlichen Vorfällen im Osloer Schlosspark und im unweit des Schlosses gelegenen Hard Rock Café. Im Oktober lag die Zahl der 2011 angezeigten Vergewaltigungen in Oslo nach Angaben der Polizei bei 182, weitaus höher als noch im Vorjahr. Dabei gehen die Polizei und das Statistische Zentralbüro davon aus, dass die Dunkelziffer weit darüber liegt, da vermutlich gerade einmal 10% aller Übergriffe gemeldet werden. Häufig handelt es sich bei den Opfern entweder um Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind (oft im somalischen oder pakistanischen Migrantenmilieu), oder um junge – meist norwegische – Frauen, die leicht bekleidet und unter starkem Alkoholeinfluss in den Nächten von Freitag zum Samstag und Samstag zum Sonntag „leichte Beute“ für die Täter darstellen.
Darüber ist eine Diskussion der Mitschuld entflammt, aber auch eine Debatte darum, dass Frauen nicht selten Männer anzeigen, mit denen sie im gegenseitigen Einverständnis (und ebenfalls häufig unter Alkoholeinfluss) Sex hatten, sich im Nachhinein aber missbraucht fühlten und darum Anzeige erstatteten. Die etwas „schwammige“ und durchaus interpretationsfähige Definition im norwegischen Recht, was als Vergewaltigung gilt, begünstigt ein derartiges Vorgehen zudem.

[Anmerkung C.F.]